Was braucht der Mensch, um sich gegen Ungerechtigkeit, Prinzipienlosigkeit und Falschheit zu behaupten? Noch mehr, was braucht der Mensch, um den Lauf der Geschichte zu prägen? Schauen wir in den Qurʾān.
Bevor Moses in der berühmten Szene mit dem brennenden Dornbusch zur Konfrontation mit dem Pharao aufgefordert wird, wird die Verwandlung des Stabes in eine Schlange und seiner Hand in weiß folgendermaßen eingeleitet:
,,Und was ist das da in deiner Rechten, o Mūsā?'.
Er sagte: ,,Es ist mein Stock, auf den ich mich stütze und mit dem ich für meine Schafe Blätter abschlage; und ich gebrauche ihn auch noch zu anderen Zwecken" (20: 17-18).
Der Gott im Qurʾān spricht fortwährend davon, dass wir von bedeutungsträchtigen Zeichen umgeben sind, die wir bloß zu deuten hätten. Es ist nun interessant, dass beide Dinge, die Moses als Waffe gegen den ungerechten Pharao nutzen soll - der Stab genauso wie die Hand - ganz alltägliche und natürliche, damit unscheinbare Mittel sind. Dies wird besonders am Beispiel des Stabes deutlich. Auf die Frage nach jenem antwortet Moses, dass er ihn für verschiedene alltägliche Zwecke gebrauche. Nun wird genau jenes alltägliche, unscheinbare Mittel zu einem zentralen Element in seiner Auseinandersetzung mit dem Pharao. Gleiches mit der Hand:
Er sagte: „Wirf ihn hin, o Mūsā!“
Er warf ihn hin, und sogleich war er eine Schlange, die sich rasch bewegte.
Er sagte: „Nimm sie, und fürchte dich nicht. Wir werden sie in ihren früheren Zustand zurückbringen.
Und lege deine Hand dicht an deine Seite, so kommt sie weiß heraus, jedoch nicht von Übel befallen. (Nimm dies) als weiteres Zeichen, auf daß Wir dich etwas von Unseren größten Zeichen sehen lassen" (20: 19-23).
Interessanterweise stellt die Rede nicht nur die Verwandlung selbst als Zeichen dar, sondern als ein Zeichen für ein weiteres Zeichen, sogar eines der größten Zeichen. Viele Deutungen ließen sich anstellen. Aber zwei möglicherweise sehr einfache und gleichzeitig weitreichende lauten aus meiner Sicht folgendermaßen:
1.) Der Mensch ist mit allem, was er zur Erfüllung seines Daseinszwecks braucht, ausgerüstet. Es braucht keiner äußerlich impostanten Machtmitteln oder ähnlichem - fehlt der Stab, hat der Mensch doch seine natürlichen Mittel, von seinen körperlichen bis zu seinen geistigen Vermögen. Es kommt drauf an, dies im Dienst Gottes zu tun, d.i. wahrhaftig, prinzipienorientiert, gut. Daraus folgt: zum Kampf gegen das Ungerechte, Falsche, Prinzipienlose, allgemein überhaupt Schlechte oder Böse ist jeder Mensch aufgerufen.
2.) Um zu sehen und zu wirken, muss der Mensch seine Kategorien, sich selbst übersteigend in Gott vertrauen, um von Gott gezeigt zu bekommen, um von Gott geleitet zu werden, statt Gott auf sich selbst zu beschränken. Gott wird aus dem unscheinbaren Stab eine wirkungsvolle Waffe, aus der Schlange wieder einen unscheinbaren Stab machen, aber Moses muss erst werfen und anschließend sogar zupacken. Gott verkündigt uns allen genauso wie Er es Moses tut - aber es bedarf des Vertrauens, der Tapferkeit und der Freiheit von sich selbst, um der Verkündigung zu folgen.
3.) Der äußere Kampf geht nicht nur mit dem inneren Kampf einher, sondern folgt auf eine grundsätzliche Kursnahme: In der und durch die Beziehung zu Gott, in der Erkenntnis seiner selbst, seines Daseinszweckes, in der Umsetzung des Erkannten genauso wie in der gottgemäßen in-Dienst-Stellung seines Alltags und seines Daseins entsteht die freie Persönlichkeit, die vor keiner ungerechten Macht der Welt wankt, vielmehr jene ins Wanken bringt.
Was braucht also der Mensch, um sich gegen Ungerechtigkeit, Prinzipienlosigkeit und Falschheit zu behaupten? Noch mehr, was braucht der Mensch, um den Lauf der Geschichte zu prägen?
Bloß zu tun, wie gottgeheißen; zu verwerten, was gottgegeben.