Die Liebe ist eine existentielle Sehnsucht, der Wortgebrauch oberflächlich. Dabei sitzt die Sehnsucht so tief, dass falsche Verständnisse Menschen zu selbstschädigenden oder nicht wirklich gewollten Handlungen treiben, genauso wie Verwechslungen von Erziehungsfehlern mit Liebesweisen ganze Lebenswege prägen können. Wer fundamental abhängig ist statt frei, kann nicht lieben. Abhängig sehen bedeutet sklavisch, was die Person ihrem Ich gibt, dies impliziert nicht nur materielle Dinge, sondern auch z.B. Kompensationen von schwierigen Beziehungen zu den Eltern in der Kindheit, einen Existenzsinn, etc. Es geht also nicht um Egoismus, sondern um die unfreie Abhängigkeit eines entweder unbewussten oder bewusst ignoranten Lebens. Denn allzu häufig reden Menschen sich Dinge ein, framen unwürdige, unmoralische oder sonst wie ihren Werten widerstreitende Handlungen und Sehnsüchte in wohlklingende Rahmen. Was sich zeigen wird: Ob unabhängig oder abhängig, es geht immer um die Freiheit oder Unfreiheit vom Ich.
Das Lieben hingegen zeigt, dass der Dualismus falsch ist, denn sie vereint Kontrolllosigkeit und Freiheit: Kontrolllosigkeit, weil das Lieben schicksalhafte Ichübersteigung bedeutet. Es geht nicht um das, was für das eigene Ich „rausspringt“. Darin liegt die Bedingung der Freiheit: Nur wer eine grundsätzliche Selbsterkenntnis und gesunde Distanz zu sich selbst besitzt, aktiv und bewusst und in Liebe zur Wirklichkeit lebt, kann eine Person unabhängig von seinem Ich sehen und unabhängig von seinem Ich lieben. Unabhängig bedeutet, dass 1. das wirkliche Wesen einer Person gesehen wird und 2. geliebt wird, dass die Person dies verwirklicht. Deshalb kann ein Herz in der wirklichsten Form nur einmal lieben: es ist jenes Wesen, das von dieser Person geliebt wird. Denn insofern nur Gott absolut ist, ist auch jede Ichübersteigung nur relativ: Die äußere Erscheinung gibt eine passende Antwort auf einen bestimmten Ruf im Inneren einer bestimmten Person.
Je nach Entscheidungen und Handlungen kann die Liebe eine erfüllte oder unerfüllte sein. Liebender und Geliebte sind demnach bereits schicksalhaft in ihren vorherigen Lebenswegen miteinander verwoben, so kann die Geliebte das Schicksal ihres Liebenden besiegeln lange bevor sie einander kennengelernt haben. Nichts liebt der Freie mehr als die Wirklichkeit; und er lebt, was wirklich ist. Wahr ist, was mit der Wirklichkeit übereinstimmt – sind die Wahrheiten unangenehm, bevorzugt er den tiefgreifenden, aber wirklichen Schmerz über ein scheinbar süßes aber unwirkliches und damit in Wahrheit bitteres Scheinglück.
Manchmal besiegelt aber auch der Lebensweg des Liebenden sein eigenes Schicksal. So ist der Philosoph immer Träger einer Aufgabe und methodisch zur ständigen Ichübersteigung gedrungen; die Liebe soll ihn nicht vereinen, bloß dafür sorgen, dass die ständige Trennung, das ständige Alleinbleiben und Zurechtrücken nicht vollkommen zerreißen. Privilegien verpflichten eben – genau wie die Liebe. Und wer lieben will, nimmt sie so, wie sie ist, ob erfüllt oder unerfüllt: in Wahrheit.