Aristoteles unterscheidet zwischen der ersten und zweiten Natur des Menschen: die erste bezeichnet das Wesen des M e n s c h s e i n s als solches, das zweite hingegen wie der Mensch als P e r s o n wird, d.h. wozu er durch gesellschaftliche/kulturelle/familiäre Prägungen, Erfahrungen, eigene Entscheidung und tägliches Tun gewohnheitsmäßig wird. Das Menschsein gibt den prinzipiellen allgemeinen Rahmen vor, die Persönlichkeit verwirklicht diese auf individuelle und konkrete Weise. Deshalb können letztere vielfältig sein, ersteres aber nicht, weshalb jede Person menschlich oder unmenschlich sein kann. Glückselig wird der Mensch, wenn seine Persönlichkeit mit dem Menschsein harmoniert, während die Disharmonie zum Unglück führt. Dieses Gesetz ist auch unabhängig davon, ob der Mensch sich dessen bewusst ist, sodass es sich z.B. im Unbehagen oder sonstigen inneren Misstönen äußert, die wir dann durch verschiedene Mittel zu übertönen suchen (Alkohol, Karriere, Medien, usw.).
Nach Aristoteles macht ein Leben nach Vernunft und Tugend den Menschen glückselig. Beide seien auf die Wahrheit ausgerichtet: Erstere = Wahrheitserkenntnis, letztere = Wahrheitsverwirklichung, also ihr gemäß leben. Denn das Gute und Wahrhaftige würden in der Natur des Menschen liegen, sodass Selbsterkenntnis zwangsläufig zur Tugendhaftigkeit – also dem regelmäßigen Tun des als wahr und Vermeiden des als falsch erkannten – führen, und diese wiederum zur Selbstverwirklichung.
Es geht also eigentlich nicht um Tugendhaftigkeit, sondern um Wahrheit.
Und weil dadurch eine Harmonie zwischen Innen und Außen, zwischen Selbstbeschaffenheit, Selbstsicht und Lebensweise entstünde, würde der Mensch, nachdem dies zu seiner zweiten Natur geworden (also verinnerlicht) ist, glückselig, sofern keine außerordentlichen Missstände wie schwere Krankheit oder Armut ihn befallen.
Bei Aristoteles sind also im Prinzip Wahrheit und Glückseligkeit verbunden.
Kurz: Bei Aristoteles sind Wahrheit (und aus ihr entspringend Tugendhaftigkeit) und Glückseligkeit die zwei Seiten einer Medaille, letzteres der Lohn des ersteren. Und dies sei das höchste Gut allen menschlichen Strebens. Damit hat er die gesamte Geschichte westlichen Denkens vom Christentum bis zur Postmoderne geprägt. Denn genauso wie die westlichen Christen das Glück und die Seligkeit betonen, die doch durch die Erlösung (nicht Befreiung) von Jesus im Menschen entstünden, ihn im Himmel erwarten usw., haben wir das erfahrbare Glück zum Maßstab sogar unserer Selbst- und Weltsicht erhoben. Das gilt auch für die kalte Gleichgültigkeit und unter ihr brodelnde zerstörerische Wut, die nun wieder hochkommt, denn sie sind Folgen einer tiefen Enttäuschung des ersteren.
Das Problem ist nämlich, dass Wahrheit und Tugendhaftigkeit dem Menschen keine Glückseligkeit bereitet, weshalb jede Enttäuschung vor dem Hintergrund illusionärer glückszentrierter Weltanschauungen zwangsläufig zur Verbannung der Wahrheit führt. Kant hat Recht, wenn er gegen Aristoteles einwendet, dass die praktische Anwendung der Wahrheit und Tugend immer auch eine Erniedrigung des persönlichen Willens bedeutet, weshalb der Mensch sich ja sträubt. Dies wird durch die Ächtung der Wahrheit in der Gesellschaft noch verstärkt. Und weil der Mensch rein Ego ist und daher bloß mit Moral und Wahrheit Erniedrigung spürt, müsse man ihm vollkommene und ungezügelte Glückseligkeit im Paradies versprechen, damit er Anreize habe, sein Ego zu unterdrücken. Genau damit, den Menschen darauf zu beschränken, hat er Unrecht (womit er wiederum alles Nachfolgende bis heute dahingehend geprägt hat, dass der Mensch auf das Ego reduziert wird sodass entweder alles Sünde oder egal ist): es ist eine Erniedrigung des Egos, aber der Mensch ist nicht nur Ego, sondern besitzt andere Teile, anhand derer die Person sich erhebt. In der menschlichen Natur liegt auch das Streben nach Wahrheit und die vollständige Unterwerfung vor Absoluten, das über allem steht, weil es eben über allem steht, d.i. die Tugendhaftigkeit. Es ist also nur die Erniedrigung eines Teils im Menschen, aber nicht des ganzen. Die aus der Wahrheit folgende Tugend, also das regelmäßige praktische Umsetzen des Erkannten, schenkt dem Menschen durch die Unterwerfung vor dem Absoluten etwas viel Kostbareres, nämlich die Freiheit. Denn jede Macht anderer über uns und jede Ohnmacht in uns resultiert aus der Erkenntnis- und Handlungsohnmacht, einer blockierenden Unselbstständigkeit in Theorie und Praxis. Und weil die aus der Ausrichtung auf das Absolute erwachsende Freiheit des Bewusstseins nicht genommen werden, die Wahrheit nicht verändert werden kann, ist eine freie Person souverän. Und die Tugend ist der Schlüssel dazu, da sie regelmäßig die praktische Anwendung dessen verlangt und uns so erst nicht vom Ego selbst aber von seiner Macht über uns wenn es drauf ankommt befreit.
Wichtig: Daraus folgt nicht, dass die Wahrheit unglücklich macht oder die Lebensfreude nimmt. Im Gegenteil: das Bewusstsein der eigenen Souveränität genauso wie der eigenen Grenzen erst lässt die Person sich selbst und das Leben lieben: Durch die Wahrheit kann der Mensch bewusst leben, seine unverarbeiteten Erfahrungen oder unverstandenen Sehnsüchten, Hoffnungen, Ängsten u.ä. treten ans Licht, wodurch sie für ihn sicht-, kontrollier- und überwindbar werden. Aber sie verschwinden eben nicht, ebensowenig das Ego, weshalb die Freiheit immer wieder aufs neue verwirklicht werden muss, was wiederum eine stetige Erniedrigung des Egos (nicht der Person, die wird nämlich erhoben) bedeutet. Die Erkenntnis dieser Dinge ändert auch nichts daran, dass die Person die Konsequenzen eines Lebens nach und in Wahrheit einfach aushalten muss, statt dass sie durch irgendwelche Wundererfahrungen oder Bewusstseinswandel verschwinden würden. Gerade deshalb geben viele Menschen irgendwann auf und nach einer Zeit merkt man, wie die Reihen sich nach und nach lichten. Andersherum besteht die Unfreiheit in der vollständigen Entfaltung des Egos (nicht der Person, die wird nämlich erniedrigt).
Anders: Der Mensch ist nicht dazu geschaffen glücklich zu sein, sondern wahrheitsmäßig. Und um der Wahrheit gemäß zu sein, muss er frei sein. Der Mensch ist also zur Wahrheit aber in Freiheit erschaffen. Genau dieser Zusammenfall macht den Menschen zwar nicht glückselig, aber erfüllt ihn. Der Unterschied zwischen Erfüllung und Glückseligkeit: in erster lebt der Mensch sich voll aus, es werden also auch die Wirkungen seiner Schattenseiten ausgelebt, etwa wenn der Schmerz ihn weinen lässt, die Schwierigkeit seiner Lasten ächzen o.ä. Bitterkeit, Melancholie, Verzweiflung u.ä. hervorrufen. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass der Mensch verletzlich ist. Doch indem gegen diese die eigene Freiheit erhalten bzw. stetig aktualisiert wird, weil sie erst erkannt und dann mit ihnen auf die ihnen angemessene Weise umgegangen wird entgegen den eigenen Vorstellungen, Gefühlen oder Vorurteilen, indem die Unterwerfung nur vor dem Absoluten und nichts anderem vollzogen wird, indem der Mensch jeweils Ja und Nein sagt, annimmt und ablehnt, aufnimmt und wegstößt, selbst- statt fremdbestimmt lebt, erhebt er sich über diese Dinge. Der Vollzug der Freiheit schmeckt immer bitter, weil sie das Egoistische – also Selbstinszenierung, Geltungsdrang, usw. – ausschließt und die vollständige bewusstseinsmäßige Ausrichtung auf die Prinzipien fordert, das Bewusstsein der Freiheit hingegen schmeckt süß, zum einen weil durch das wache Bewusstsein der Mensch all der vielen Schönheiten der Welt wirklich empfänglich wird, zum anderen weil der Mensch objektiv ist und jede Person sich der Erhebung durch Freiheit (genauso wie der Erniedrigung, Entmenschlichung durch Unfreiheit) bewusst wird.
Anders: Der Mensch braucht Wahrheit und Freiheit, aber nicht Glückseligkeit.