Gott gibt ohne zu rechnen - die meisten Menschen rechnen, handeln, und fordern. Ihr Blick gilt nicht dem, was sie bekommen, sondern was sie noch nicht haben. Dennoch hört der Qurʾānische Mensch nicht auf zu geben, denn der Mensch ist bedingt, d.i. seine Möglichkeiten endlich, sein Blick getrübt und sein Heilswille schwach.
Gott ist unbedingt, d.i. Seine Möglichkeiten unendlich, Sein Blick klar und Sein Erlösungswille stärker.
Gott sieht das Herz - die meisten Menschen sehen sich selbst und ihre Erfahrungen. Deshalb nehmen sie nicht wahr, sondern projizieren; sie verstehen nicht, sondern tragen heran. Dennoch hört der Qurʾānische Mensch nicht auf mit Liebe zu begegnen. Denn der Mensch ist relativ, d.i. er ist verhältnismäßig: Er kann nur so viel wie die Quelle, von der er sich nähert; Er hält für wirklich, wovon er sich bewegen lässt und er will, wovon er sich persönliche Erfüllung verspricht. Was der Mensch also tut, das tut er sich selbst.
Gott ist absolut, d.h. er ist unbedingt: Alles speist sich aus seinem Selbstsein; Staub ist die Allmacht unter Seinem Selbst, Wirklichkeit ist, weil Er Er ist; Sein Wille das Ausfließen und Zurückfließen der Wesenheiten aus und zu Seinem Selbstsein. Deshalb ist das Gottesgedenken größer.
Was den Qurʾānischen Menschen von der individuellen Person unterscheidet: Ersterer ist verhältnismäßig zu dem Selbstsein; letztere zum jeweiligen Ichsein. Ersterer betrachtet Privilegien als Pflichten, was er gibt ist anvertraut. Die individuelle Person begreift Privilegien als Rechte, was sie gibt, ist ihr Eigentum. Wer jedoch gibt, was ihm gehört, der ist Diener seiner Gabe. Deshalb wägt die individuelle Person wie ein Kaufmann Kosten und Gewinn ab. Der Qurʾānische Mensch rechnet nicht, weil keine Maßeinheit seine unendliche Quelle fassen kann; er fürchtet keinen Verlust, weil er nicht besitzt; was er tut, tut er aus dem Wesen heraus, nicht zukunftsgerichteter Kalkulation.
Was die Qurʾānischen Menschen ausmacht, ist nicht das vernunftmäßige Denken wahrer Sätze, sondern die tatsächliche Verwirklichung der zugrundeliegenden Wirklichkeit. Ein wahres theoretisches Prinzip ist nämlich nichts als die sprachliche Veranschaulichung einer metaphysischen Wirklichkeit oder ihrer Folgen. Nun ist der Qurʾān ein metaphyisches Wesen, das sich in physischen Formen zu erkennen gibt; erst betritt er das Herz des letzten Propheten, verlautet dann in sprachlichen Ausdrücken und erscheint schließlich als schriftlicher Koran. Er spricht zum Lesenden, eröffnet dem Wiederholenden und lässt in seinen unendlichen Bedeutungshorizont soweit eintauchen, wie sich ergeben wird. Die Frommen rezitieren und folgen selig; die Weisen erkennen an und tauchen ein soweit ihr Atem reicht; die Qurʾānischen Menschen durchschauen die Erscheinung, lassen ihren Atem zurück und vereinen sich mit dem zugrundeliegenden Wesen.
Auch bei Weisen bleiben die Spuren der persönlichen Biographien sichtbar; wie Drehbücher halten sich einschneidende Erfahrungen und werden fortwährend mit neuen Rollenbesetzungen durchlebt. Denn Weisheit speist sich aus menschlicher Selbst- und Wahrheitserkenntnis sowie entsprechender Gewichtung. Sie reicht aber nicht darüber aus. Qurʾānischsein heißt schlicht die Dinge nicht im schwachen Licht des Relativen, sondern im Angesicht des Absoluten zu betrachten. Qurʾānische Menschen legen weder die Geschichte, noch andere Traditionen als Maßstab von außen an; sie nehmen ihn zum Maßstab, hören zu, statt an seiner Stelle zu sprechen.
Die Qurʾānischen Menschen lesen nicht, sondern wandeln mit dem Qurʾān. Der Fromme hält den Koran fest, der Weise sieht dessen Inneres sich in anderen Zeugnissen widerspiegeln, nur dem Qurʾānischen Mensch wird der Qurʾān Gefährte: Denn was den Qurʾān belebt, trägt der Mensch im Herzen; zusammen klingen beide Formen eins mit dem ewig klingenden Namen.
Der Qurʾānische Mensch ist kein Übermensch, sondern schlicht Mensch, gemäß der Natur; unter den individuellen Personen bleibt er einsam, denn wenige sind natürlich Mensch. Viele essentialisieren Launen oder Theorien, machen aus Stimmungen und Ideologien Wirklichkeiten. Andere essentialisieren das Geschlecht, machen aus Menschen Männer und Frauen. Und die meisten essentialisieren das persönliche Ich samt Biografie. Der Qurʾānische Mensch essentialisiert nicht, sondern ist essentiell.
In der Konsequenz ist der Qurʾānische Mensch auch in der Gemeinschaft der Waisen einsam, aber nicht alleine.
Der Schmerz der Einsamkeit ist eine Warnung; die Wahrheit reinigende Übereinstimmung; Dasein bereits Gegenwart: Der Schmerz macht sich bemerkbar, aber stört nicht seine Seligkeit, denn seine Stütze heilt, stützt und besteht unveränderbar fort.
Was erklingt
das verklingt.
Das Wort klingt.
Menschsein heißt zusammenklingen.
Weisheit ist unterscheiden, folgerichtig handeln und sterben;
Qurʾānischsein ist sehen, werden und wiederaufleben.