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,,Der Klimawandel hängt zusammen mit einer tief geistigen, philosophischen und spirituellen Krise im Selbstbewusstsein des modernen Menschen“.

 

 

 Die Fakten bespricht mittlerweile jedes Format:

Innerhalb von nur 25 Jahren habe die Biomasse der Insekten um 80 Prozent und damit die Überlebenschance der Vögel rasant abgenommen, 70 Prozent aller Pflanzen würden als gefährdet gelten und 2025 sollen ca. 1/3 der Welt keinen Zugang zu Wasser haben. 

Thomas Bauer zufolge hängt dies mit einer den modernen Gesellschaften charakteristischen Ambiguitätsintoleranz zusammen: Der moderne Mensch ertrage Ambiguität nicht mehr, Eindeutigkeit strebe er an. Was nicht berechnet, gemessen oder an materiellen Maßstäben bewertet werden könne - so, wie er am Markt als Arbeitskraft und die Zeit als Arbeitszeit be- und verwertet würde -, wäre ihm zuwider. Selbst die Streamingdienste und Online-Händler speichern unsere Vorlieben, generieren auf Basis des Bisherigen Listen mit ähnlichen Vorschlägen, fördern die Vereinheitlichung unseres Urteilsvermögens. Bestätigt würde dieser Zusammenhang zwischen Natursterben und Entmenschlichung (denn nichts anderes bedeutet eine zwanghafte, äußere Vereinheitlichung) dadurch, dass parallel zu den oben genannten Zahlen z.B. knapp 1/3 der weltweit gesprochenen 6500 Sprachen aussterben sollen. Und weil Religion nicht ohne Ambiguität leben kann, bedeute ihre rein buchstäbliche Auslegung, bzw. die Entsinnlichung des Offenbarungstextes, d.i. die Aushöhlung des Buchstaben von der Bedeutung, ihr Ende. Bedenkt man nun, dass die mittelalterliche Priesterkutte als Verfügerin über die Wahrheit in der Moderne durch den (natur)wissenschaftlichen Kittel ersetzt wurde, gepaart mit der Idee Bacons, Natur als Mittel zum Wohle der Wissenschaft (,,science should have for her purpose power over nature“), mag das sicherlich ein fruchtbarer Ansatz sein.

Doch aus meiner Sicht trifft dies nicht den Kern der Sache. Es gibt einen ursprünglichen Grund, die Wurzel, von dem sich alles weitere ableitet. Fragen wir: Weshalb hat es so lange gedauert, bis die Zivilgesellschaft auf den Klimawandel aufmerksam wurde? Bereits seit den 50er und 60er Jahren schrieben Forscher über eine beunruhigende Wirkung der Naturausbeutung, doch erst, seitdem die drohende Katastrophe sich im Alltag bemerkbar macht, schenken wir dem Aufmerksamkeit. Es geht also nicht um die aussterbende Biene, sondern entweder um

die drohende Endkatastrophe (kennen Sie den Ausdruck homo suicidalis?), 

materielle Existenzängste, da der Klimawandel ,,den Wohlstand der Industrienationen“ bedrohe oder 

die Furcht vor Migration, denn: ,,Die Folgen des Klimawandel gehören wesentlich zu den globalen Fluchtursachen“ -

und Flüchtlinge, d.h. Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt oder die Beweise für den im europäischen Kollektiv tief verwurzelten und in den Rest der Welt exportierten Nationalismus, will keiner. Je nachdem, welchen dieser Gründe man hegt, unterscheidet sich der Intensitätsgrad des Widerstandes. So stellen junge Menschen, die zur ersten Kategorie gehören, schärfere Forderungen. 

Das ursprüngliche Problem scheint mir, dass unser Menschenverständnis (damit unsere Selbstwahrnehmung) ein materielles und geistloses ist. Einst verstand man das Menschsein wie eine Medaille mit zwei Seiten. Die eine Seite fasse das biologische und sinnliche Leben, d.h. die materielle Ebene, die andere das spirituelle Leben, d.h. die geistige Ebene. Letzteres haben wir aus unserem Bewusstsein verbannt - mit weitreichenden Folgen: Indem wir nämlich unser Selbstbewusstsein materialisierten, materialisierten wir auch unsere Wahrnehmung und unseren Bezug zur Außenwelt. Wir betrachten alles Leben ausschließlich quantitativ und haben unseren Sinn für die Qualität verloren. Unser Credo im Umgang mit der Natur lautet seit der industriellen Revolution: Rücksichtslos effizient züchten, halten und gewinnen, was sich gewinnen lässt. 

Maximieren, ohne Maximen zu kennen. 

Wieso erscheint diese Rechnung sinnvoll? Weil es eine Rechnung mit rein materialistischen Variablen ist. Schon früh, lange vor allen Wissenschaftlern, warnten religiöse Menschen, wie der Dichter William Blake (18. Jhd.) , vor den Folgen eines rein biologisch und materiell verstandenen Menschen und der Konsequenz eines entsprechenden Naturbegriffs. Sie erkannten die geistig-zerstörerischen Folgen unseres Naturverständnisses: Dem Bruch mit der Natur, der industriellen Revolution, sowie ihrer Wegbereiter geht der Bruch mit der menschlichen Spiritualität voraus. Wenn William Blake vor Entmenschlichung warnte, d.h. dass wir mit jedem Vergehen an der Natur uns an unser eigenen Spiritualität vergingen, bedeutete es weder der Kirche noch dem Staat etwas. 1968, als ,,Man and Nature“ erschien, waren es gerade religiös geprägte Kreise, die dagegen protestierten. Dass ein Großteil der Hippie-Bewegung von jungen Menschen bestand, die aus guten Verhältnissen stammten und tatsächlich aus geistigen Gründen gegen die modern-kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft protestierten, in der der menschenunwürdige Utilitarismus als Staats- und Gesellschaftsideologie herrscht, wird eher verdrängt. Vielmehr betrachtet man sie mit Melancholie und Nachsicht als eine eigenartige Strömung, mit der kaum jemand etwas anfangen kann. Statt die fortwährende, tiefe, kollektive Sinnkrise beim Namen zu nennen, die eine solche Bewegung hervorrief, halten wir uns mit den Forderungen und Verhaltensweisen auf. Auf diese Weise wird jegliche ernsthafte Reflexion im Keim erstickt. 

Andererseits wozu auch reflektieren: Aristoteles betrachtet Tiere, wie auch Pflanzen als beseelte Wesen, mit denen wir somit auf eine Weise verbunden sind, die über rein biologische Ähnlichkeiten hinaus geht. Diese Art der Verbundenheit mag indes bestehen, nur bewusst sind wir ihrer nicht:

Die Zeiten eines Franz von Assisi, der den Vögeln predigt oder eines Khalil Gibran, der an die lange Tradition der sog. ,,Naturmystik“ anzuknüpfen versucht, bedeuten für die fortschrittsvernarrte Wissenschaft und reflexionsunfähige Kirche gleichermaßen Häresie. Wo wir schon bei den religiösen Gemeinschaften sind: Die Kirche weiß mit der Bedeutung nichts anzufangen, weil der sie bergende Behälter der Buchstaben von der Aufklärung zerbrochen wurde, die Moschee hat den Sinn für die Bedeutung verloren und lässt sich von lauter ,,-ismen“ verdunkeln, während die Synagoge keine Antworten auf den aus Europa importierten, gewaltbereiten Nationalismus und Sozialdarwinismus weiß. 

Nun könnte man einwenden, dass es Bewegungen und Strömungen gäbe, die das Gegenteil pflegten: Sie werben nicht nur für einen bewussten Lebensstil, sondern sie gestalten diesen ebenso kreativ und stilvoll, um die Aufmerksamkeit des Kunden zu erhalten. Zunächst ist einleuchtend, dass jede Regel Ausnahmen besitzt. Weiterhin sei bezweifelt, wie viele tatsächlich aus Überzeugung auf diese Weise aktiv sind: Die meisten suchen Erfüllung darin, haben das Gefühl, ihrem Leben einen Sinn verliehen zu haben. Teile der neuen intellektuellen Eliten inszenieren, andere individualisieren sich auf diese Weise. 

Nun frage ich: Wenn es um Sinnsuche und Individualität geht, aus welchem Grund sollte ein klimafeindlich produzierender Unternehmer oder der sich zu umweltschädlichen Werbezwecken inszenierende Prominente seinen Lebenssinn aufgeben? 

Welcher Maßstab bestimmt, dass das eine gut, das andere böse wäre, wenn doch der vom Affen abstammende Mensch keinen Sinn für solche Qualitäten haben kann?

Mir scheint, dass Sentimentalität Ursache solchen Handelns ist, ähnlich wie bei der Moral: Stellen Sie sich vor, Sie dürften unmoralisch handeln, ohne Konsequenzen tragen zu müssen. Weshalb sollten Sie dennoch moralisch handeln? Die Antwort darauf ist meist ein Unbehagen, dass wir nicht erklären können, Sentimentalität, die wir pflegen. Antworten hingegen, die die Qualität solchen Handelns unterstreichen, sucht man vergeblich. Dies ist kaum verwunderlich, bedenkt man doch, dass sowohl der Konfessionslose, als auch der Anhänger einer Konfession beide auf die Frage nach der Quantität des Menschen mit seinen biologischen und sinnlichen Eigenschaften antworten. Frage ich beide nach der Qualität des Menschen, welche Liebe, Gerechtigkeit und Moralität erst tatsächlich greifbar macht, reagieren sie mit Unverständnis - beiden fehlt der Sinn für das ,,Seelenfünklein" Meister Eckhards (,,Alliquid est in anima quod est increatum et increabile"). 

Also frage ich jenseits von Sentimentalität oder Existenzangst: 

Warum sollten mich die grotesken Bedingungen des Fischfangs kümmern, wenn der ehemals eher exklusive Lachs plötzlich für jedermanns Brieftasche erhältlich ist?

Wie kann ein Mensch nach geistigen Qualitäten, z.B. Gerechtigkeit oder Freiheit, streben und erwarten dürfen, diese konkret zu realisieren, wenn er unter ,,Mensch“, somit auch ,,Natur" keine Qualität zu begreifen vermag?

Meine These lautet folglich:

Dem Verlust des Gespürs für die innere Schönheit der Natur geht die Blindheit ob der eigenen, inneren Schönheit des Menschlichen voraus: Wer nichts über die Qualität des Menschseins auszusagen vermag, für den bleiben Moralität und Naturschutz, Mensch und Natur substanzlose Schablonen, geistlose Körper. Alle Menschen, ob religiös oder areligiös, sehen die Natur bloß quantitativ, weil unsere Verfügerin über die Wahrheit, die Wissenschaft, ihnen ein quantitatives, biologisches, kurz materielles Ich bietet, gegen welches die religiösen Kreise keinen Widerspruch wagen. Deshalb lässt es uns kalt, was Ibn Rushd (Averroes) über die Einheit der Natur schreibt: Stein und Erde seien so beschaffen und geformt, dass sie einander Bewohner und Behausung bietend vervollständigen: Es gäbe keinen prinzipiellen Zufall, alles besäße einen Sinn und eine Bedeutung, so dass selbst die lästigste Fliege es wert ist. Solange wir unseren Sinn für diese Einheit allen Seienden nicht finden, wird keine Form von nachhaltiger Produktion und Lebensform uns davor bewahren, nicht nur irdische Quantität, sondern zusätzlich die Qualität ,,Mensch“ endgültig zu begraben.